
Vergessen Sie den Begriff Enfant Terrible, ersetzen Sie ihn mit Dandy in der Unterwelt. Oder sagen Sie am besten gleich Sebastian Horsley.
Er spritzt sich Heroin in den Penis und schläft mit tausend Huren. Hübschen Mädchen wie fetten Schweinen. Wobei ihm die dicken Pralinen am liebsten sind, sie machen satt. Sebastian Horsley, Erbe einer millionenschweren britischen Alkoholiker-Dynastie, das verkommende Drogenkind einer depressiven Mutter, deren Abtreibung ein Versuch blieb. Der sich mit drei die Genitalien bemalt und neunjährig mit einem 4,5-Millimeter-Luftgewehr auf seine Familie schiesst. Er trifft nicht, aber „es ist die Geste, die zählt.“ Horsleys ruinöse Kindheit endet Opium rauchend an seinem 18. Geburtstag in einem Pariser Bordell. Mitte der Achtziger bleibt der eloquente Zylinderträger in London Chelsea hängen. Er scheffelt an der Börse ein Vermögen, das er für Drogen und Sex verprasst – sein neuer Lebensstil, eine extrovertierte Form der Selbstverherrlichung: das Dandytum. Horsley gibt den Robin Hood der Kunstszene, und landet im Knast, wo sein gesellschaftliches Jungfernhäutchen reisst. Temporär mimt er den werten Gatten, was er noch am Altar bereut, weil es sich wie ertrinken anfühlt. Sein eigentlicher Part ist der des Junkies: Crack und Heroin sind seine Lieblinge, aber auch Speed und Opium hat er gern. Über kurz oder lang werden sie ihn umbringen. Durch die Einsicht sentimental gestimmt, beginnt er zu schreiben, etwas das er in der Schule nie beherrscht hat – „Legasthenie ist ein Begriff, der von der Schickeria benutzt wird, um die Dummheit ihrer Kinder zu umschreiben.“ The Observer, New Satesman, The Independet und The Erotic Review heuern ihn. 2007 erscheint seine Autobiographie „Dandy in der Unterwelt“, die er mit den Worten abschliesst: „Für jeden kommt die Zeit, wo er erkennen muss, dass ich anbetungswürdig bin.“ Er zitiert die Exzentriker Baudelaire und Barbey D’Aurevilly, und oftmals sich selbst. Geschliffen. Pointenreich. Horsley sagt gute Dinge. Noch mehr klingen einfach gut. Mit der Zeit erlischt der Zauber um seine Person. Zwar klammert sich Horsley an die dandyeske Schicklichkeit wie ein Henker an seinen Strick, aber in seinem lädierten Lächeln spiegelt sich allmählich der Zerfall eines reuevollen Sünders. Am 17. Juni 2010 stirbt er an einer Überdosis Heroin. Er ist 47. Und man fragt sich, hatte ein Mann die Hosen je tiefer, oder ist mit Sebastian Horsley viel mehr der gewissenhafteste Showman aller Zeiten gestorben, der nicht einsehen wollte, dass es in der Natur des Vorhangs liegt, zu fallen? Er hinterlässt uns, was er Kunstnennen würde, hübsch überzeichnete Kolumnen, ein Buch, Bilder von Sonnenblumen, Schachtelweise Kondome und eine geladene 38er neben seinem Kopfkissen. Sein grössest Kunstwerk jedoch, er selbst, hat sich in Staub aufgelöst.

