Joe D'Amato - Billiger gehts nicht
16.10.2009, von: Marco Rüegg
Drehen Sie Indiana Jones 5 in einem karibischen Schlachthof, mit Mösen statt Maya-Schätzen, mit Rocco Siffredi in der Hauptrolle, Niveau: thailändische Seifenoper. Sie könnten reich damit werden. So wie Joe D’Amato.
Aristide Massaccesi wollte Geld. Er ging dafür über einen Leichenberg, der alpine Ausmasse annimmt. Als Joe D’Amato hat die Welt den Regisseur lieben gelernt. Oder hassen, je nachdem. Jedenfalls ritzte der Römer eine tiefe Narbe in Europas Filmgeschichte. Noch nicht in den frühen 60ern, als der Kameramann erfolglose Django-Verschnitte schoss. Nein, erst eine Dekade und eine artistische Neuorientierung später. Dann aber umso heftiger. Als Warm-Up gabs Blümchensex in semi-erotischen Gonzo-Komödien. Der Funken zündet 1975, D’Amato koppelt die Sex-Revolte der Hippies mit der Blutrünstigkeit, die später den Punk prägen sollte. Dem Kannibalen-Porno „Foltergarten der Sinnlichkeit“ folgen „Papaya – Liebesgöttin der Menschenfresser“, „Woodoo-Baby – Sex und schwarze Magie in der Karibik“ und eine schier endlose Filmographie, neben der sich Charlotte Roche liest wie die Hausordnung eines katholischen Internats. D’Amato lässt Nudisten an Pferdegenitalien rumfummeln und menschliche Föten verspeisen. Mit der „Emmanuelle“ kreiert er eine prähistorische Lara Croft des FKK-Splatter, inklusive Regenwald-Exotik, markanten Kameraperspektiven (in der Regel von Kollegen abgeschaut) und den Titten von Laura Gemser. In Sex-Kinos und Männerrunden findet der Leinwand-Heilige D’Amato seine Kapellen. Doch so vergöttert seine Werke sind, gehört allen doch eigentlich ein Stempel verpasst: Geklaut! D’Amato verwurstelt Hollywoodstreifen in Low-Budget-Manier, mit der dreifachen Dosis Fleisch und Blut. Dabei kommt er kaum über den Status des inspirierten Wiederkäuers heraus. „Emmanuelle“ etwa lehnt sich an den Kult-Schocker „Lost Cannibal World“. Im Sog von „Conan der Barbar“ inszeniert D’Amato 1983 den aufgepumpten Post-Wikinger „Ator“. „9 ½ Wochen“ schiebt er das noch schlüpfrigere „11 Days, 11 Nights“ hinterher. Und unter seinen über 100 Porno-Produktionen findet sich eine Marco-Polo-Parodie mit Rocco Siffredi und Tabatha Cash. Vor zehn Jahren schliesslich beendet ein unblutiger Herzinfarkt die gewalttätigste Karriere des europäischen Kinos. Eine Karriere, die von Anfang an, allen Kontroversen zum Trotz, nur einem Ziel gilt: Kohle scheffeln. Dass Streifen wie „Porno Holocaust“ nie im Arthouse landen würden, dürfte Joe D’Amato schon zu Lebzeiten geahnt haben. In einem der Emmanuelle-Filme heisst es: „We’re not making artsy-farty crap for intellectual faggots. We’re out to make money!“ Zur Not mit der Brechstange.


