
Schauspieler machen oft schlechte Mode, Miuccia Prada geniale. Und weil die gelernte Bühnenfrau Vollprofi ist, beherrscht sie „Der Hase und der Igel“ im Schlaf. Als Designerin, versteht sich. Hinterher hoppeln die anderen.
Kurz bäumt sich ihr Rock auf, ein schwacher Wind bläst auf die zu grosse Nase. Jenes Mädchen, das die Rutsche hinabstürzt, hat 61 Jahre auf dem Buckel! Sicher, Miuccia Prada gleicht, wenn sie wie Alice im Wunderland ihr Büro verlässt, einem Kind ohne Sorgen. Doch ihr Business ist hart, die Rutsche eine Kunstinstallation, und das Haus drum herum Schaltzentrale der Macht. 7’200 Angestellte, 1.5 Milliarden Euro Umsatz, Spielplatz geht anders. „Mein Mann und ich haben nie daran gedacht, etwas Grosses aufzuziehen“, sagt Prada, man hört das Pinocchio-Holz ächzen. Hier spricht eine, die in wenigen Jahren das staubige Ledergeschäft ihres Grossvaters – daher „Prada Milano dal 1913“ – in ein Modeimperium wandelt. Und sie spricht von Ehemann Patrizio Bertelli, Ex-Gürtelfabrikant, der ihr mit Kapital und eisernem Willen seit 1979 beim Aufbau geholfen hat. Dieser Bertelli führt noch weniger als sie Kleines im Schilde: 1988 drängt er darauf, in die Prêt-à-porter einzusteigen. 1999 kauft er Jil Sander und Helmut Lang, um seiner Frau statt Blumen zwei Designerhelden zu reichen – die welken noch schneller, beide verlustigen Brands entsorgt er, sprich, veräussert sie.
Ja, Prada-Bertelli, das ist Liebe, mit Spannungen, laut geht’s in der Casa Prada oft zu. Vor allem ist es Liebe zu dem, was beide beruflich verbindet. Als der Kleinindustrielle Miuccia 1977 begegnet, macht es „peng“. Man zieht zusammen, heiratet, zeugt zwei Söhne, und macht sich ans Projekt Welteroberung. Den Choleriker aus Arezzo und die Dame aus gutem Haus verbindet auch inniger Respekt. Miuccia nennt ihren Gatten „Bertelli“, lässt ihn schalten und walten. Dass Prada zweimal am Börsengang vorbeirutscht – 9/11 und die Krise 2009 verhageln den Plan –, perlt an ihr ab wie San Pellegrino auf Käse. Er holt die Kohle, sie die Ideen. Schon Miuccias Kunststofftaschen in den 80ern sind ein Hit. Später wird sie in Modekollektionen die 50er zitieren. Als man Tellerröcke für tot erklärt! Ein Aufhorchen, einige Designer kopieren, da beschäftigt sie sich bereits mit Neopren-Anzügen. Kunst-, Natur-, Werkstoffe mixen, kein Muster, kein Schnitt, den sie nicht ausprobiert. Miuccia Prada holt die Zukunft in die Gegenwart. 1992 verwirklicht sie einen weiteren Traum, gründet Miu Miu, das Label kokettiert mit Klamotten, die sie in den 70ern trug, als sie Hippie-Girl war, Kommunistin war, fünf Jahre Theater und Pantomime studierte. Das grosse Mädchen bräuchte keine Rutsche vorm Büro. Längst hat Miuccia einen Verve, mit dem keiner mithält. „Der Hase und der Igel“ ist ihre Geschichte. Gleich, welchen Trend sie auslöst, die anderen sind die Langohren. Sie lauschen, jagen, und kommen doch immer als Zweite ans Ziel.
KAUFEN, VERKAUFEN, KAUFEN…
Miuccias Mann Patrizio Bertelli muss in den 80ern viel „Denver-Clan“ geglotzt haben: Schulden machen, bis es kracht, Unternehmen aufkaufen, die eigene Firma vergrössern, fitter für den Wettbewerb – so der Plan. 1998 kauft er sich bei Konkurrent Gucci mit 9.5 Prozent Aktien ein, eine Übernahmeschlacht gegen Louis Vuitton Moet Hennesy (LVMH) folgt, Prada kann nicht mithalten, zieht sich raus. 1999 versucht er sich an Fendi, zwei Jahre keine Gewinne: ciao ciao, und Ausverkauf! 2001 verzeichnet seine Bilanz ein Minus von 1.2 Milliarden Euro. 2006 stösst der Gambler schliesslich Helmut Lang und Jil Sander ab, nach sieben Jahren schmerzhaften Verlusten. Glamouröser: Bertellis Yacht „Luna Rossa“ nimmt seit 2000 am America’s Cup teil. Linientreu: Erfolge konnte der 64-Jährige auch hier keine verbuchen.







