Just Facts: Mafia

Mafia_Gewehr

Sie meucheln, als gäbe es kein Morgen, lassen Limousinen und Häuserblocks in die Luft fliegen, und ihre Feinde an Seilen baumeln. Egal, ob Politik, Finanzen, Drogenhandel, Tourismus oder Prostitution, die Mafia hält die Strippen weiter fest umschlungen. Feinde hat sie natürlich. Stellt sich nur die Frage, wer in der Überzahl ist, die Guten oder die Bösen?

Die Antwort kennen Sie. Vergessen Sie „Scarface“, „Der Pate“ und die „Sopranos“. Jener speckfingrige Mafioso, der auf seinem sizilianischen Anwesen im Schatten liegt und zigarrenpaffend seinen Enkelkindern beim Tomatenlesen zusieht, ist tot. Kaltblütige Geschäftsmänner haben seinen Platz eingenommen. Und vertreten ihn vehement.

Mafia Soundtrack
Musik der Mafia

Mindestens die kalabrische Mafia hat einen Soundtrack zu ihrem wahren Leben. Im traditionellen Canto di Malavita (Lied vom Verbrecherleben) und Canto de Carcerato (Gefängnislied) besingen Inhaftierte ihre Unschuld oder rühmen sich musikalisch ihrer Taten. Blutrünstige Texte, warmherzige Melodien, das Gesangsgut hat Fans, nicht nur auf der bösen Seite. Den Sampler „La Musica della Mafia“ gibt’s in gut sortierten Plattenläden.

Giovanni Falcone
Giovanni Falcone
Der Kampf gegen die Mafia ist einsam. Selbst Italiens Ex-Vizestaatsanwalt Giovanni Falcone, dem 116 Mitarbeiter unterstanden, beklagte sich über fehlende Loyalität in den eigenen Reihen. Zwar konnte der Mafiajäger Richter und Kriminalbeamte von Ägypten bis in die USA vereinen und grosse Erfolge verbuchen – 1986 bewirkte er einen Prozess gegen 400 Mafiosi! Später folgten aber auch Rückschläge: Nach einem Berufungsverfahren wurden 23 Bosse wieder freigelassen. Am 18. Mai 1992 starb Falcone bei einem Attentat auf Sizilien. Eine Bombe mit 500 kg Sprengstoff zerfetzte seine Limousine und hinterliess einen Mondkrater auf der Strasse.

170ʹ000ʹ000ʹ000
Allein 2009 erwirtschaftete die italienische Mafia einen Gewinn von 170 Milliarden Euro.  Im Vergleich: Der Weltkonzern Nestlé erzielte im selben Jahr einen Nettogewinn von 7,2 Milliarden Euro.

Verhaftung der Cosa Nostra
Die mächtigsten Clans

Mit 4ʹ200 Mitgliedern (die meisten blutsverwandt!) ist die kalabrische ʹNdrangheta die mächtigste Verbrecherorganisation Europas. Sie kontrolliert grosse Teile des globalen Kokainhandels. Die Cosa Nostra hat ihren Stammsitz in Sizilien, kümmert sich darum, dass international das Heroin im Fluss bleibt, und verfügt über gute Kontakte zu den USA. Auch die Cosa Nostra ist ein Mehrfamilienbetrieb (mit 3ʹ200 Mitgliedern). Neapels Camorra macht ihre Kohle über Geldwäsche, Erpressung und Drogenschmuggel. Mit spannenden Jobangeboten hält die Organisation sich in Stellung, obgleich viele Bosse bereits hinter Gittern sitzen. Apuliens Sacra Corona Unita ist der jüngste Mafia-Nachwuchs, gegründet 1983. Die „Heilige vereinte Krone“ schleust gern albanische Illegale ein und hat ihre Stärke in der Zwangsprostitution.

Chinesische Mafia
Süss-sauer (chinesische Mafia)

Die chinesischen Triaden entstanden um die Zeitwende, gegründet von Bauern und Mönchen. Die Anzahl der Organisationen wird auf 5’000 geschätzt. Sie handeln mit Rauschgift, insbesondere Opium, regeln aber auch Menschenhandel und freuen sich, wenn unsereins Chicken Sweet & Sour bestellt. Sie gelten als die kaltblütigsten Mafiosi überhaupt. Ihre Handschrift ist es, die Opfer zu fesseln ehe sie hingerichtet werden. Wer in Ungnade fällt, wird abgemurkst. Wesentlich gefürchteter ist aber die russische Solutsevskaya Bravta. Sie unterhält legale Firmen und Finanzunternehmen weltweit. Die Kolumbianer hingegen beherrschen den europäischen Kokainhandel. Und die japanische Mafia, die Yakuza, lebt von Glücksspiel, Schutzgelderpressung und Prostitution. Die Mitglieder erkennt man an ihren grosskotzigen Tätowierungen.

John und Bobby Kennedy
JFK – Wahlkampfhilfe mit Folgen

Am 20. Januar 1961 wurde John F. Kennedy zum jüngsten Präsidenten der USA gewählt, nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Richard Nixon. Zünglein an der Waage: Der befreundete Frank Sinatra liess seine Kontakte zur Chicagoer Mafia, insbesondere zu deren Boss Sam Giancana spielen, damit JFK bei den Vorwahlen West Virginia einstecken konnte. Dieser Etappensieg war wahlentscheidend. Kaum trat der Demokrat an, witterte die Cosa Nostra mit „ihrem“ Mann im Amt neue Chancen. JFK plante mit Giancana sogar die Beseitigung Fidel Castros. Doch statt gemeinsamer Geschäfte folgte ein Affront: Bruder Robert Kennedy sagte dem organisierten Verbrechen als Justizminister den Kampf an. Dallas, 22. November 1963: JFK wird erschossen. Los Angeles, 5. Juni 1968: Robert Kennedy will in dessen Fussstapfen treten. Auf einer Wahlkampfveranstaltung wird er angeschossen, erliegt seinen Verletzungen. Die Theorien über beide Attentate treiben wilde Blüten, eine plausible: Die Mafia rächte sich an ihren Verrätern.

grosse Familie
Strukturen der Mafia

Die Cosca: In Sizilien gibt es rund 200 Cosche, lose Mafia-Gruppen, die vermeintlich ohne vereinende  Dachorganisation oder anerkanntem Oberhaupt agieren.Die Famiglia: Der harte Kern einer Cosca erwächst meist aus familiärer Struktur. Blutsverwandtschaft garantiert Verlässlichkeit und Loyalität.Die Cupola: Ist das koordinierende Bindeglied zwischen den Cosche. Zwar handelt jede Gruppierung in ihrem Territorium autonom. Die Cupola regelt aber die Gesamtheit der Geschäfte, um Konkurrenzsituationen zu vermeiden. Der Partito: Damit ist der Kontakt des Mafioso zu Offiziellen gemeint. Freisprüche vor Gericht sind in Sizilien keine Seltenheit. Sie funktionieren aber nur über Verbindungen zur Staatsanwaltschaft.

10

Neben der Bibel hat auch die Cosa Nostra 10 Gebote, nur sehen die anders aus:
„Stell dich Freunden nicht allein vor. Das erledigen Dritte.“
„Lass die Finger von den Ehefrauen unserer Freunde.“
„Wir machen keine Geschäfte mit den Bullen.“
„Wir besuchen weder Tavernen noch Clubs.“
„Stehe der Cosa Nostra jederzeit zur Verfügung. Auch, wenn die Frau vor der Entbindung steht.“
„Verabredungen werden kategorisch eingehalten.“
„Die Ehefrau muss respektiert werden.“
„Wirst du nach etwas gefragt, das du weisst, sag die Wahrheit.“
„Es ist verboten, sich Gelder anderer Familien anzueignen.“
„Wer der Cosa Nostra nicht angehören kann: Jemand mit Angehörigen bei den Sicherheitskräften; wer Fälle von Untreue in der Familie hat; wer sich schlecht verhält und moralische Werte missachtet.“

Berlusconi
Berlusconi & Mafia

Wenn Schurken singen: Die 1993 von Silvio Berlusconi gegründete Partei Forza Italia soll erst durch Zustimmung der Cosa Nostra entstanden sein. Erpresst von der Cosa Nostra habe der Staat jahrelang über einen „Waffenstillstand“ mit der Mafia verhandelt. Die lenkte ein, unter der Bedingung, dass dem Mafiaboss Bernardo Provenzano Immunität gewährt werde. Dafür solle die Forza Italia sorgen. Ein Kronzeuge behauptet gar, Berlusconi habe Anfang der 90er eine Mordserie gutgeheissen, die zur Destabilisierung des Systems führen und ihm zur Macht verhelfen sollte.

Der Anfang
Wie alles begann

1865: Auf Sizilien schliessen sich Grossgrundbesitzer zu einer Geheimgesellschaft zusammen, die „Onorata Società“ (ehrenwerte Gesellschaft) ist geboren und mit ihr der Begriff „Mafia“. 1907: Der Bauernsohn Vito Cascioferro steigt zum ersten grossen Mafiaboss auf. 1915: In Italien wird die Mafia zur zweiten Macht im Staat. 1925: Benito Mussolini gelingt es, unter brutaler Gewalt die Mafia weitgehend zu verdrängen. 1929: Vito Cascioferro wird zu 26 Jahren Zuchthaus verurteilt. In den USA lebt die Mafia unter Al Capone auf. 1977: Die Mafia wird zum wichtigsten Heroinlieferant. 1980: Der grosse Mafiakrieg in Palermo fordert 1’500 Opfer. Der Corleonesi-Clan geht als Sieger hervor. Heute: Der Casalesi-Clan, mächtigste Gruppe der Camorra, erleidet einen herben Rückschlag. Im grössten Mafia-Prozess seit 20 Jahren werden 16 Bosse zu lebenslänglich verurteilt.

"schmutzige Wäsche"
Schmutzige Wäsche

Spricht ein Mafioso von weissen Fensterläden, meint er Koks. „T-Shirt“ steht für Drogenproben, „Trainingsanzug“ für grosse Drogenladungen. Auch Mafiaboss Bernardo Provenzano, der 2006 verhaftet wurde, sprach in Rätseln: Als Polizisten sein Telefon abzapften, war die Rede von „frischer Wäsche“, dabei ging es um einen neuen Mordauftrag.

Al Capone
Scarface

Al Capone wächst als Sohn neapolitanischer Einwanderer in Brooklyn auf. Mit 14 verlässt er die Schule. Darauf nimmt ihn Gangster Frankie Yale unter seine Fittiche, macht ihn fit für die Strasse. Bald kontrolliert Capone die gesamte Unterwelt Chicagos. Sein militärisch organisiertes Verbrechersyndikat macht Geschäfte mit Alkoholschmuggel, Prostitution und Glücksspiel. Capone (auch „Scarface“ genannt) gilt als skrupellos und aggressiv, aber auch grosszügig und hundsloyal. Trotz seiner Verbrechen wird er nie wegen Mordes angeklagt. Letztendlich kriegen sie ihn nur wegen Steuerhinterziehung in Zusammenhang mit Geldwäscherei dran. Capone kassiert elf Jahre, und wird wegen guter Führung nach acht freigelassen. 1947 stirbt er 48-jährig an einer Lungenentzündung im Beisein seiner Familie in Florida.

Messer
Das Schicksal bestimmt

In der `Ndrangheta, ist es üblich, dass der Chef neben ein Neugeborenes einen Schlüssel und ein Messer legt, um seine Bestimmung festzulegen. Berührt das Baby erst den Schlüssel, ist es für die Polizei bestimmt, berührt es das Messer erst (welches die Mutter dem Säugling quasi in die Hand schiebt), gehört es zur Mafia.

Würgegriff
Silenzio!

Omertà lautet die Schweigepflicht der Mafiosi. Wer dagegen verstösst, ist ein Pentito (Reuevoller) und schnell tot.

Auch Mafiosi haben ein Liebesleben
Geht die Frau eines Mafiosi fremd, blüht ihr Schreckliches. Er wiederum darf vögeln, wen er will, solange es sich nicht um die Frau eines anderen Mafioso handelt und er sich ehrenwert verhält. Heisst: Sex – nur wenn er oben ist. Ein echter Mann unterwirft sich nicht. Und zweitens: kein Oralverkehr – aktiven, versteht sich.

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