
Nicht mehr viele da draussen leben für das geschriebene Wort. Dave Eggers würde dafür sterben.
Um ihn geht es nicht. Geht es nie. Das Geschriebene, die Geschichten, Millionen von Buchstaben, die sich die Hand geben, wie die Unicef-Kinder, hinter ihnen versteckt er sich. Dave Eggers, 42, damaged goods, wenn man das so sagen darf, denn der Mann kann viel und vor allem eins: schreiben. „You have to be hurt as hell before you can write seriously“, legte Hemingway einst die Bedingung der Schriftstellerei fest. Bei Eggers wird der Pfeil im jungen Erwachsenenalter gespitzt. Seine Eltern, der Vater mehr Alkoholiker als der rechtschaffene Anwalt, den die Umwelt in ihm zu sehen glaubt, die Mutter leicht desolat und bieder in ihrer Weltansicht, was Eggers anwidert – beide sterben kurz nacheinander an Krebs. Eggers, damals 21, zieht seinen 8-jährigen Bruder fortan selbst auf, nimmt ihn sich zur Brust wie ein Neugeborenes, schafft sich ein mattiertes Dasein, nur um dann doch in der Realität anzukommen. Als er hinter dem Babysitter einen Axtmörder wähnt – gute Schreiber sind alle ein wenig neurotisch – taut er auf und sieht ein, dass die Welt zwar vor allem, aber nicht nur schlecht ist. Die beiden bleiben in San Francisco hängen, pendeln zwischen künstlerischem Leichtsinn und den Abscheulichkeiten des Lebens. Nachzulesen in Eggers Roman „A Heartbreaking Work of Staggering Genius“, das vom Time Magazine unter die zwölf besten Bücher gewählt und für den Pulitzer Preis nominiert wurde. Für Eggers ist es ein Akt der Rebellion, Kritiker wie Michiko Kakutani der New York Times sehen mehr als das, ein „grosses, mutiges, manisch-depressives“ Werk. Ehrlich, mit einem ausgeprägten Hang zur Ironie (das Schutzschild) und schwarzem Humor (die Distanz) beschreibt Eggers auf 375 Seiten sein Schicksal – ein Therapieersatz. „A Heartbreaking Work…“ erscheint in seinem Verlag McSweeneys, wie auch das gleichnamige Literaturmagazin – in den USA das einflussreichste seiner Gattung – und weitere Bücher, darunter „What is the What“, Lektüre, die sich Barack Obama zu Gemüte führt und dann seinem Kabinett empfiehlt. Daneben publiziert Eggers seit einem Jahr die Zeitung San Francisco Panorama (die erste Ausgabe, 320 Seiten schwer, war sofort ausverkauft), hat ein Sozialprojekt am Laufen sowie Frau und Kinder. Es sind viele Stricke, die in seiner Faust zusammen kommen. Er gibt sie bereitwillig aus der Hand, weil er sich lieber den Worten in seinem Kopf widmet. Obwohl: Zuversicht, Selbstsicherheit was die eigene Arbeit betrifft? Niemals. Jedes Buch soll das letzte sein, bei jedem glaubt er am Anfang, in der Mitte und so ziemlich nach jeder Seite, dass er es nicht zu Ende bringen wird. Sein Selbstzweifel geht so weit, dass er Lektoren und Kritikern, die ihm huldigen, Inkompetenz zuschreibt. Solange er weiterhin so kräftig aufs Gas drückt, kann uns das egal sein.

