Aus der Asche

Gameboy, Grunge und River Phoenix: Der Posterboy, dessen Milchgesicht vor 20 Jahren in tausenden von Mädchenzimmern gleich neben jenem von Kurt Cobain hing, hat zwei Leben gelebt, die eines gemeinsam haben: Sie waren sehr kurz.

Kürbisse und Totenköpfe zieren die Strassen vom Flughafen LAX nach West Hollywood. Oktober 1993, Halloween in Los Angeles, dessen mexikanische Bewohner sich ihrerseits auf den Dia de los Muertos einstimmen – den Tag, an dem man den Toten gedenkt. Eine Limousine rauscht mit River Phoenix, Schwester Rain und Bruder Joaquin vor den Viper Room, Johnny Depps Club. Aus den Hippiekindern ist Champagner-Prominenz geworden. Über eine Jugend ohne Gott können die drei nicht klagen. Im Gegenteil. Als Missionare der Children of God zieht die Familie nach Venezuela, predigt und lebt von der Hand voll Dollars, welche die Eltern beim Obstpflücken und die Kinder beim Singen am Strassenrand verdienen. Ein Sex-Eklat provoziert den Ausstieg aus der Sekte. In einem Frachtkahn nimmt die Familie Kurs auf die US -Westküste. In der dort keimenden Musikszene sollen die Jungs zu Rockstars heranwachsen, symbolisch für den Neuanfang ändern die Eltern den Namen: Aus Bottom wird Phoenix. Zehn Jahre alt ist River, als er erstmals in eine Kamera lächelt. Acht Jahre, etliche Werbespots und TV-Serien später, umklammern seine zarten Finger den Oscar für den besten Nebendarsteller. „Running On Empty“ heisst der Film. Und River Phoenix heisst der Junge, der ab sofort die Tagträume amerikanischer Girlies nährt. Aber nicht nur das, Steven Spielberg will ihn für „Indiana Jones“, Gus Van Sant für „My Own Private Idaho“. River sorgt im Alleingang dafür, dass im Haus der Veganer-Familie genug  Tofu auf den Tisch kommt. Irgendwo zwischen 15 Filmen in sieben Jahren hält er zudem die Rockband Aleka’s Attic aufrecht, engagiert sich für PE TA und zieht mit den Red Hot Chili Peppers um die Häuser. Wer letzteres in den frühen Neunzigern tut, geht nicht unbedingt früh ins Bett. Auch nicht nüchtern. Halloween 1993, River Phoenix sollte singen. Doch während die Band des Hausherrn Depp das Vorprogramm bestreitet, kollabiert er vor dem Viper Room. Schreie, Tränen, Blaulicht. Um 1:51 Uhr unterzeichnet der Arzt den Totenschein. Ein Cocktail aus Kokain und Heroin – ausgerechnet ein sogenannter Speedball – beendet das schnelle Leben des River Phoenix. Mit 23. Zurück bleiben konsternierte Geschwister und ein abgedrehter Vampirfilm. Um „Dark Blood“ streiten sich bis heute die Anwälte. Rock ‘n’ Roll, Hollywood-Glamour, Tierschutz –man hat sich immer gewundert, ob tatsächlich bloss Salat und Sojabohnen dem Tausendsassa so viel Energie geben. Seit dem frühen Morgen des Dia de los Muertos 1993 weiss man es.

River Phoenix’ Schwester Summer ist weniger wegen ihres Erfolgs, jedoch mehr wegen des Namens ihres Kindes in den Schlagzeilen. Mehr dazu lesen Sie hier.

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